Fanzines sind nichtkommerzielle Hefte, die Fans und Ultras selbst schreiben, kopieren und in der Kurve verkaufen: Spielberichte, Auswärtsfahrten, Choreos und Kritik am Verein. Laut Merriam-Webster ist das Wort seit 1940 belegt, es verbindet „Fan“ und „Magazine“. Das Archiv der Jugendkulturen in Berlin-Kreuzberg sammelt solche Hefte heute als Dokumentation der Fankultur.
Was in der Kurve wirklich los war, steht nicht im Stadionheft und schon gar nicht in einer Pressemitteilung. Es steht in Heften, die einer nachts am Küchentisch zusammengeklebt hat und die heute in Kellerkartons gammeln. Wer so einen Karton hat, sitzt auf Kurvengeschichte, und die gehört weder ins Altpapier noch in die Vitrine vom Vereinsmuseum.
Was sind Fanzines und woher kommt der Begriff?
Ein Fanzine ist ein Heft von Fans für Fans, ohne Verlag und ohne Anzeigenkunden: geschrieben am Küchentisch, kopiert im Copyshop, verkauft am Infostand oder im Sonderzug. Das Wort stammt aus der US-Science-Fiction-Szene der 1940er Jahre, über den Punk der 1970er wanderte das Format in Englands Kurven und später zu den Ultras in Deutschland.
Rückfahrt nach einem Auswärtsspiel. Stimme weg, Beine schwer, null Punkte im Gepäck, und hinten im Bus kritzelt einer schon den Spielbericht ins Notizbuch, samt Breitseite gegen die Ticketpreise im Gästeblock. Aus solchen Zetteln werden Fanzines. Schiefe Sätze, zu lange Texte, Tippfehler inklusive. Weichgespült hat das keiner, und genau deshalb liest man es zwanzig Jahre später noch.
Den Bauplan lieferte der Punk. Laut British Library erschien „Sniffin' Glue“ von Mark Perry erstmals im Juli 1976 in London und bewies, dass ein Heft ohne Verlag, ohne Werbekunden und ohne Erlaubnis funktioniert. Fußballfans haben diese Haltung übernommen: Schere, Kleber, Kopierer und eine Meinung, die im Verein nicht jedem passt.
Wie kamen Fanzines zu den Ultras in die deutschen Kurven?
Englische Fans machten es vor. „When Saturday Comes“ erschien laut Angaben des Magazins im März 1986 erstmals in London und gab Fans eine Stimme gegen teure Tickets und Fußballpolitik über ihre Köpfe hinweg. In Deutschland folgten Ende der 1980er Jahre die ersten Vereinsfanzines, in den 1990ern übernahmen junge Ultragruppen das Format.
Bundesweit vernetzt hat sich die Szene früh: Das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) gründete sich laut eigener Darstellung 1993 als Zusammenschluss von Fanclubs und Faninitiativen. Gestritten, mobilisiert und mitgeschrieben wurde trotzdem vor Ort, in den Heften der einzelnen Kurven.
Mit den Ultras kam ein neuer Takt. Neben dem dicken Heft mit langen Texten tauchte der Spieltagsflyer auf: ein gefaltetes Blatt mit Liedtexten, Ansagen zur Choreo und einem Kommentar zur Lage im Verein. Wer so einen Flyer heute aus einer alten Jacke zieht, hält Kurvengeschichte in der Hand, die nirgends sonst steht.
Ehrlich gesagt haben Flyer, Instagram und Telegram dem dicken Heft in vielen Kurven das Wasser abgegraben. Schneller ist das, keine Frage. Ein Kanal, der mit einer Kontosperre verschwindet, ist aber kein Archiv, sondern geliehener Platz bei einem Konzern, dem deine Kurve egal ist. Was nach Jahren noch da ist:
| Format | Wer redet rein | Was nach Jahren übrig ist |
|---|---|---|
| Fanzine | nur die eigene Redaktion | Heft im Karton oder im Archiv |
| Spieltagsflyer | nur die Gruppe | einzelne Blätter, selten gesammelt |
| Stadionheft | Pressestelle und Sponsoren | gesammelt, aber geglättet |
| Social-Media-Kanal | Plattformregeln und Algorithmus | nichts, sobald Konto oder Plattform weg sind |
Warum gehört die Fankultur-Dokumentation in die Hand der Ultras?
Wer die Geschichte einer Kurve dem Verein überlässt, bekommt die Marketingversion: Choreos als Imagefilm, Proteste als Randnotiz. Fankultur-Dokumentation aus Fanhand hält fest, warum Ultras gegen Montagsspiele, Investoren und Stadionverbote auf die Barrikaden gegangen sind, denn Fanzines schulden niemandem Rechenschaft außer der eigenen Kurve.
Blätter mal ein offizielles Stadionheft aus einer Saison durch, in der deine Kurve monatelang protestiert hat. Spielerinterviews, Sponsorenseiten, Gewinnspiel, und über die Spruchbänder im eigenen Block kein Wort. Im Fanzine derselben Saison steht, wer protestiert hat, mit welchen Argumenten und was danach passiert ist. Wir finden: Genau diese Seiten verdienen einen Platz in der Archivbox.
Der Protest „12:12“ zeigt das schon Ende 2012. Kurven in Bundesliga und 2. Bundesliga schwiegen zu Spielbeginn jeweils 12 Minuten und 12 Sekunden lang, Anlass war das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“, das die DFL-Mitgliederversammlung laut DFL am 12. Dezember 2012 beschloss. Wie sich diese Stille im Block angefühlt hat, steht in Fanzines, nicht im Protokoll.
Der Streit um den Investoreneinstieg bei der Deutschen Fußball Liga zeigt, warum die Sicht aus der Kurve zählt. Laut Abstimmungsergebnis der DFL-Mitgliederversammlung vom 11. Dezember 2023 stimmten 24 der 36 Profiklubs zu, exakt die nötige Zweidrittelmehrheit. Danach flogen wochenlang Tennisbälle und Schokotaler aufs Feld, bis das DFL-Präsidium den Prozess laut DFL-Mitteilung am 21. Februar 2024 abbrach.
Im Kern ging es um die 50+1-Regel: Laut DFL-Satzung muss der Mutterverein 50 Prozent der Stimmanteile plus eine Stimme an seiner ausgegliederten Profiabteilung halten. Bei den Montagsspielen lief es ähnlich: Laut DFL kamen sie zur Saison 2017/18 in die Bundesliga und verschwanden nach anhaltenden Kurvenprotesten zur Saison 2021/22 wieder. Die Argumente der Fans stehen in Flyern und Fanzines ausführlicher als in jeder Pressemitteilung.
Kritik gehört auch nach innen. Ein Fanzine, das nur die eigene Choreo abfeiert und nie eine Entscheidung der eigenen Gruppe hinterfragt, bleibt ein Stadionheft auf schlechterem Papier. Lesenswert wird ein Heft erst, wenn es auch mal der eigenen Kurve auf die Füße tritt.
Wo werden alte Fanzines heute archiviert?
Alte Fanzines finden ein Zuhause im Archiv der Jugendkulturen in Berlin-Kreuzberg, das laut eigener Angabe seit 1998 Hefte aus Fußball-, Musik- und Jugendszenen sammelt. Dazu kommen die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main für veröffentlichte Druckwerke und die Regale lokaler Fanprojekte. Private Kartons bleiben die gefährdetste Sammlung.
Schlag im Lesesaal mal ein vergilbtes Heft aus den Neunzigern auf. Anstoßzeiten, Ticketpreise, Stadionverbote: Die Themen sind dieselben wie heute, nur das Layout ist schiefer und die Schreibmaschine sieht man jeder Zeile an. Frag vor dem Besuch nach Öffnungszeiten und Nutzungsbedingungen, sonst stehst du in Kreuzberg vor verschlossener Tür.
Laut der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) arbeiten bundesweit mehr als 60 sozialpädagogische Fanprojekte, Grundlage ist das Nationale Konzept Sport und Sicherheit von 1992. Viele kennen die Szene vor Ort seit Jahrzehnten und sind die erste Adresse für Hefte, die in der eigenen Stadt bleiben sollen.
Die Deutsche Nationalbibliothek bekommt laut Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek zwei Pflichtexemplare jedes in Deutschland veröffentlichten Medienwerks in körperlicher Form. Welche Kleinauflagen ausgenommen sind, regelt die Pflichtablieferungsverordnung, eine kurze Anfrage in Leipzig klärt das vor dem Einschicken. Für ein Gruppenheft, das regelmäßig am Infostand verkauft wird, wäre ein Platz in Leipzig ein echter Gewinn für die Überlieferung der Kurve.
Klar, nicht jede Gruppe will ihr Heft in einer staatlichen Bibliothek sehen, und die Skepsis kommt nicht aus dem Nichts. Wer Namen, Interna oder Gesichter schützen muss, gibt eine bereinigte Ausgabe ab. Ein Heft, das nur im Karton eines einzelnen Mitglieds existiert, ist beim nächsten Umzug trotzdem weg, und dann hat es auch niemand geschützt.
Wie archivierst du alte Fanzines richtig?
Alte Ausgaben im Keller brauchen Rettung, bevor Feuchtigkeit, rostende Heftklammern und der nächste Umzug den Rest erledigen. Ein Fanzine überlebt Jahrzehnte, wenn es trocken, dunkel und flach in einer säurefreien Archivbox liegt, zusätzlich als Scan existiert und ein Exemplar an ein öffentliches Archiv oder das Fanprojekt geht.
In vielen Gruppen gibt es diesen einen Karton, der beim Auszug eines Mitglieds plötzlich neben dem Container steht. Mit ihm verschwinden Spielberichte, Fotos und Streitschriften, die keiner mehr nachschreiben wird. Ein spielfreier Sonntag reicht, um das zu verhindern:
- Sortieren: Ausgaben nach Nummer und Datum ordnen, Lücken notieren. Fehlende Hefte liegen bei den Alten aus der Gruppe noch im Schrank, man muss nur fragen.
- Säubern: Gummibänder und Büroklammern raus, Risse nie mit Klebeband flicken. Klebeband vergilbt und frisst sich ins Papier, ein Bierfleck ist dagegen Patina.
- Lagern: Hefte flach in säurefreie Archivboxen nach DIN ISO 16245 legen. Wir empfehlen 15 bis 20 Grad und unter 50 Prozent Luftfeuchte, Keller und Dachboden sind tabu.
- Scannen: Jede Seite in Farbe mit mindestens 300 dpi scannen, Umschlag und Ränder inklusive. Bei 300 dpi bleibt auch das Kopierraster beim Vergrößern lesbar.
-
Benennen: Dateien nach dem Muster
Gruppenname_Ausgabe_JJJJ-MM-TTablegen und an zwei getrennten Orten speichern, etwa auf einer externen Festplatte und einem zweiten Rechner. - Schützen: Scans mit erkennbaren Gesichtern bleiben offline. Anonymität ist in der Kurve kein Luxus, sondern Selbstschutz.
- Weitergeben: Ein Exemplar mit ein paar Zeilen Kontext ans Archiv oder Fanprojekt geben, damit die Geschichte nicht an einem einzigen Karton hängt.
Archivarbeit klingt nach Lesesaal und Baumwollhandschuhen. In der Kurve ist sie Selbstverteidigung: Wer seine Hefte nicht rettet, überlässt die Geschichte dem Vereinsarchiv, und das erzählt sie so, wie es dem Marketing passt.
Sticker gehören mit in die Archivbox
Sticker und Fanzines kommen aus derselben Werkstatt: Beide entstehen ohne Verein, tragen den Namen der Gruppe nach außen und zeigen, wer zur Kurve gehört. Wer alte Hefte archiviert, legt die Aufkleber aus derselben Saison dazu, denn ein einziges Motiv verdichtet die Stimmung im Block auf wenige Zentimeter.
Sammler wissen das längst. Ein Stickeralbum ist ein Archiv im Kleinformat: Am Stil eines Motivs erkennst du, aus welcher Zeit es stammt und welche Gruppe gerade den Ton angab. Aufkleber bleiben dafür auf dem Trägerpapier und wandern in Klarsichthüllen, abgezogen sind sie für die Sammlung verloren. Wer das Motiv seiner Szene lieber im Alltag zeigt, findet bei uns Ultra Sticker im Stil der Kurve, ohne Fanshop-Hochglanz.
| Merkmal | Fanzine | Sticker |
|---|---|---|
| Format | Heft in A5 oder A4 | einzelnes Motiv |
| Archiv | Box, trocken und flach | Album oder Klarsichthülle |
| Wirkung | erklärt die Kurve | zeigt die Kurve |
Fazit: Wer schreibt, bleibt
Fanzines halten fest, was Ultras auf den Rängen erlebt und wogegen sie protestiert haben, ohne Pressestelle und ohne Sponsor im Nacken. Ein Instagram-Kanal ist mit einer Sperre weg, ein Heft im Archiv in Kreuzberg oder in Leipzig überdauert Generationen. Wer alte Ausgaben besitzt, scannt sie, lagert sie trocken und gibt ein Exemplar weiter.
Also: Karton aus dem Keller holen, Kaffee aufsetzen, loslegen. Und wer heute noch schreibt, sorgt dafür, dass die nächsten Ultras wissen, wofür ihre Kurve gestanden hat, auch wenn es dem Verein nicht passt.
Häufige Fragen
Was kostet ein Fanzine am Infostand der Gruppe?
Ein Fanzine kostet am Infostand der Gruppe nur einen symbolischen Betrag, der Papier, Kopien und Druck deckt, Gewinn macht damit niemand. Spieltagsflyer verteilen Ultragruppen dagegen kostenlos im Block. Wer ein Heft kauft, finanziert die nächste Ausgabe und hält eine Stimme am Leben, der weder Verein noch Sponsor reinredet.
Darf ich alte Fanzines meiner Kurve online stellen?
Alte Fanzines deiner Kurve darfst du nur mit Zustimmung der Autoren und Fotografen online stellen, denn das Urheberrechtsgesetz schützt Texte bis 70 Jahre nach dem Tod ihres Verfassers, egal wie selbstgemacht das Heft aussieht. Sprich vorher mit der Gruppe oder der früheren Redaktion. Fotos mit erkennbaren Gesichtern gehören nicht ins Netz, weil Anonymität in der Fanszene Schutz bedeutet.
Wie viel Speicherplatz braucht ein gescanntes Fanzine?
Ein gescanntes Fanzine im A5-Format braucht pro Seite rund 13 Megabyte, wenn du in Farbe mit 300 dpi scannst und unkomprimiert als TIFF speicherst. Ein Heft mit 40 Seiten landet so bei gut 500 Megabyte. Zum Lesen und Weitergeben reicht eine komprimierte PDF-Fassung, das Original-TIFF bleibt auf zwei getrennten Festplatten.
Wie starte ich ein eigenes Fanzine für unsere Gruppe?
Am Anfang eines eigenen Fanzines stehen eine kleine Redaktion, ein fester Erscheinungsrhythmus und ein Copyshop in der Nähe. Sammelt Spielberichte, Fotos und Meinungen, legt die Seiten in A5 an und druckt zunächst eine kleine Auflage. Ein gefaltetes A4-Blatt ergibt vier A5-Seiten, die Seitenzahl ist also immer durch vier teilbar. Jede Ausgabe bekommt Nummer und Datum.
Wer nimmt alte Fußball-Fanzines als Spende an?
Im Archiv der Jugendkulturen in Berlin-Kreuzberg sind alte Fußball-Fanzines als Spende willkommen, außerdem sammeln manche lokale Fanprojekte Hefte und Flyer ihrer Kurve. Ruf vorher an, beschreib Umfang und Zeitraum deiner Sammlung und leg ein paar Zeilen Kontext bei. So weiß das Archiv später, welche Gruppe das Heft gemacht hat und warum.

